Kapitel 6- Wir-Werkstatt und viele O-Töne

….und wir planen wieder. Vorurteile, Diskriminierung, Schubladendenken, blendende Äußerlichkeiten, Ignoranz, Kinderrechte, Menschenrechte- schwere Kost, die wir künstlerisch aufgreifen und in verschiedenen kreativen Sprachen unter die Menschen bringen wollen.

Und weil wir für dieses Making mehrere Stationen wünschen, wird jede Teilnehmerin der GenerationKunst-Gruppe zur Spezialistin in eigener Sache. Erfahrungen und Fähigkeiten aus anderen Kontexten sind nun gefragter denn je. Deswegen wählen wir als Planungsmethode dieses Mal eine Wir-Werkstatt, sie gibt uns die nötige Struktur für einen komplexen Planungsprozess im Partizipationsmodus.

In der Discovery-Phase formulieren die Jugendlichen ihre Vorstellungen und Wünsche an die Angebote, die sie selber ausführen werden. Es fließen biografische Erfahrungen, z.B.  Aktionen anderer durchgeführter Events, sowie persönliche Fähigkeiten und Ressourcen der Jugendlichen ein.

Gemäß der Fähigkeiten und Neigungen der Jugendlichen konturieren sich folgende Agreements:

  • Es soll eine Mitmachaktion geben, wo sich jeder in einem Gesamtwerk einbringen kann, unabhängig von Alter und Fähigkeiten
  • Es soll eine Kreativ-Aktion geben, wo jeder etwas herstellen und es mit nach Hause nehmen kann
  • Für Text- affine Besucher soll es eine Aktion geben, wo Gedanken zum Thema auf Karten formuliert werden können
  • Zufällig aufeinandertreffende Menschen sollen in einen Kommunikationsprozess geführt werden und sich austauschen
  • Eine Mitmachaktion soll das Potential haben, über „die Grenzen des Veranstaltungsortes hinaus“ zu wirken
  • Es soll eine „Kleinverköstigung“ geben

In der Visionsphase werden vielfältige Ideen zusammengetragen. Es zeigt sich, dass die Jugendlichen mit der Formulierung des Kinderrechtes Recht auf Gleichheit Unbehagen haben, da Gleichheit rasch mit Uniformisierung und Verlust von Individualität gleichgesetzt wird und missverständlich sein kann. Die Formulierung „Recht auf Gleichbehandlung“ wird bevorzugt. Fast alle Ideen zeigen den Duktus in der Vorstellung der Jugendlichen, das Vorurteile und Diskriminierung in einem kreativen Format „angegangen“ und aufgegriffen werden sollten. Dies soll stets in positiv wirksamen Prozessen und niemals mit erhobenem Zeigefinger erfolgen.

In der Entwurfs-Phase verstätigen sich die Jugendlichen auf sechs Themen:

Macht Euch sichtbar- Alle müssen gesehen werden

Es werden vier Plexiglasscheiben (170×40) aufgestellt, die mit Körper-Silhouetten bemalt werden. Z.B. kann ein Kind ein anderes auf der anderen Seite der Scheibe nachzeichnen. Verschiedene Größen und Formen, Haltungen und Positionen werden übereinander aufgetragen

Lucca: Wir haben die Idee, Menschen auf große Plexiglasscheiben Silhouetten oder Körperteile malen zu lassen. An den entstehenden Zeichnungen kann man nicht sehen, ob es ein Deutscher, ein Amerikaner, ein Türke… ist. Was für ein MENSCH das ist, sieht man nicht an der Silhouette. Außerdem ist diese Aktion ein Spaß für die ganze Familie. Kleine Kinder können ihre Hand malen oder ihre Eltern „nachfahren“, wenn sie sich auf die andere Seite stellen….

 

  1. Wunsch-Luftballons (ein Wunsch geht auf Reisen)

Heliumgefüllte Ballons werden mit „Wunschkarten“ versehen und auf die Reise geschickt. Die vorbereiteten Karten bitten den „Finder“, den Wunsch, der an die Kinderrechte erinnert oder darlegt, um seinen eigenen Gedanken zu erweitern und weiterzugeben (postalisch, instagram, whats app etc.).

Lucca: Jeder kann einen Wunsch für Kinder formulieren, die dort leben, wo die Kinderrechte nicht oder wenig beachtet werden. Wir haben die Idee, eine Art Kettenbrief daraus zu machen, d.h. dass derjenige, der ihn findet, ihn auf irgendeine Weise weitersendet, digital oder analog. Der Brief kann immer erweitert werden, so verbreitet sich die Message und die Kenntnis zu den Kinderrechten.

 2. Wenn Kindheit zum Balanceakt wird

Mit Hilfestellung balanciert ein Besucher über die Slag-Line. Wenn er vom Band „fällt“, landet er auf einer guten oder einer schlechten Seite. Die Zufälligkeit wird bewusst.

  1. Zuckerwatte- Aufwachsen ist nicht für alle ein Zuckerschlecken

Marlene: Wir möchte etwas zu Essen anbieten, aber nicht irgendwas sondern etwas mit Hintergrund. Wir kamen auf die Idee, bunte Zuckerwatte zu machen. Jede Zuckerwatte sieht anders aus, schmeckt aber gleich. Dann entstand die Idee einer Blindverköstigung. Wir sagen, Deine Zuckerwatte ist rot und fragen, wonach sie schmeckt. Wir machen den Menschen damit deutlich, wie sie geprägt sind und wie das zu falschen Schlüssen führen kann. Die Zuckerwatte wäre eine schöne Metapher für die Gleichheit der Menschen bei aller Unterschiede.

 

  1. „Blinde Unterhaltung“

Aline: Bei unserer „Blinden Unterhaltung“ machen wir eine Art Beichtstuhlszenario, wo sich zwei Menschen begegnen, sich aber nicht sehen. Sie sollen sich unterhalten. Jeder Mensch hat Vorurteile und steckt Menschen in Kategorien.  Wenn man kein Bild von seinem Gegenüber sieht, stellt man sich sein eigenes Bild her im Kopf. Am Ende sehen sich die Menschen und erkennen, dass sie vielleicht eine ganz andere Vorstellung hatten. Wir möchten auf Vorurteile aufmerksam machen…

 

  1. Drahtköpfe- Träume sind in jedem Kopf, nur nicht jedes Kind hat die gleiche Chance, sie verwirklichen zu können

Besucher können aus einem Stück Aludraht einen Kopf gestalten. In die Drahtskulptur können Symbole zum Thema (z.B. aus einem Fundus an verschiedenen Dingen oder aus Zeitung ausgeschnittenen Bildern) gehängt werden.

Marlene: Wir haben aus Draht Köpfe geformt. Es geht darum, dass man nicht in die Köpfe hineinschauen kann. Gedanken werden symbolisch eingehängt. Schaut man das Drahtobjekt von der Seite an, ist es ein Profil, bei jedem unterschiedlich. Von vorn jedoch sieht man bei allen nur einen Strich.

Tilla: Ich wollte etwas Persönliches in den Kopf hängen, bei mir ist es jetzt ein Süßigkeitenpapier. Die Besucher können das individuell machen.

Aline: Ich hab spontan einen Zettel mit Fragezeichen in meinen Kopf gehängt. Das kann zum Beispiel für die ganzen Fragen stehen, die meine Zukunft betreffen

Lucca: in meinem Kopf ist auch noch nichts, aber muss auch nicht unbedingt. Meiner Silhouette sieht man nicht an, ob es ein Asiat ist, ein Flüchtling….  ist. Das ist meine Botschaft.

 

  1. Wo und wann wirst Du anders behandelt?/ Welche Vorurteile hast Du oder begegnen Dir?

Kristin: Besucher sollen aufschreiben, wo und wann sie anders behandelt werden, vielleicht weil sie eine andere Hautfarbe haben, homosexuell sind etc., ob sie dann in unserem Land, was für Gleichberechtigung steht, wirklich auch so behandelt werden.

Am Ende werden alle Wortbeiträge verbrannt oder geschreddert, um zu symbolisieren, dass wir diese Barriere runterreißen wollen und wir auch wirklich etwas dafür tun wollen, dass unser Land für Gleichberechtigung steht und es nicht immer nur so gesagt wird. Wir möchten die Fragestellung um das Thema Vorurteile erweitern. In jedem Menschen stecken welche, dass ist wohl nicht abzustreiten.

Die Asche oder das Schreddergut möchten wir dann in ein Gefäß füllen und unsere Symbolik als kleinen Text dazuschreiben. Dieses Gefäß kann z.B. im Rathaus aufgestellt werden, die Leute können es sich angucken und vielleicht darüber nachdenken.

Puh, da ist eine Menge zusammengekommen. Vielleicht werden wir „kürzen“, in jedem Fall geht die Planung in Kürze ins Detail.

1Comment
  • Sabine Fett
    Posted at 13:01h, 23 August Antworten

    … GROßARTIG! Nicht nur dieser Eintrag, sondern der gesamte Projektblog gefällt mir sehr gut. Die behutsamen, reflektierenden Texte machen Praxis- und Erkenntnisprozesse wunderbar anschaulich. Danke! Sabine

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