November 2017, Das Politische oder für eine neue Kunst des guten Zusammenlebens

Der Begriff des Politischen löste schon in den Bewerbungen, beim Treffen im Juni sowie beim ersten Runden Tisch viele Überlegungen aus. Was ist politisch, was ist ein politisches Thema oder politische Kunst? Ist das Private auch das Politische? Ist ein innerer Prozess politisch?

Ich glaube, diesen Begriff gilt es zu ersetzen und damit deutlicher zu machen, worum es bei diesem Modellprogramm gehen soll. Politik bezieht sich auf die Politik als soziales Funktionssystem (z. B. Staat, Regierung, Parteien). Dieser Begriff beschäftigt sich mit der Frage, wie die Politik zu organisieren ist und wie sich diese Organisation rechtfertigen lässt. Hingegen verweist der weitere Begriff des Politischen auf Fragen nach dem Wesen des Politischen und befasst sich mit der politischen Dimension des Sozialen.

Geht es nicht vielmehr um eine neue Kunst des guten Zusammenlebens?

Gesa Ziemer beschreibt in ihrem Aufsatz „Konvivialistische Kunst? Über das freundschaftliche Zusammenleben im urbanen Raum“: „Besonders die Kunst im öffentlichen urbanen Raum hat sich in den letzten Dekaden Gehör verschafft – und dies nicht nur innerhalb der Kunstszene, sondern auch in anderen Bereichen der Gesellschaft mit der Bildung, dem sozialen, der Stadtentwicklung, der Politik oder der Wissenschaft. Viele dieser Projekte zeigen, das Wachstum nicht mehr als das einzige und scheinbar alternativlose im Imaginations-, Denk- und Handlungsmodell der Zukunft verstanden werden sollte. Stattdessen wird die Vorstellung eines sich nur moderat steigenden, gleich bleibenden oder gar sinkenden Wachstums mit nachhaltiger Stiftung von Gemeinwohl und dem Anspruch soziale Innovation verbunden. Dabei bleibt der Zukunft der Künste jedoch immer experimentell, spekulativ und provokativ – im Wissen darum das Möglichkeitsräume geschaffen werden, die anregen und zu (widerspruchsvollen) Diskussionen führen. Würde dieser Anspruch aufgehoben, würde es sich nicht mehr im um Kunst handeln (sondern eben um Bildung, Sozialarbeit, Stadtentwicklungspolitik oder Wissenschaft).“[1]

Das kreative Potential der Bewohner_innen eines Ortes sind die Grundlage für sozialen Zusammenhalt und kulturelles Bewußtsein. Lokale Fähigkeiten, konkrete Kompetenzen, ein lokales Bewußtsein und das Anerkennen der Bewohner_innen als lokale Expert_innen bilden die Voraussetzung, um einen Ort zu stärken und Bedingungen des guten Zusammenlebens zu schaffen. Was bietet ein konkretes Setting an Qualitäten für ein freundschaftliches Miteinander? Wie müssen Strukturen geschaffen werden, dass die durch eine Kunst-Initiative Neu-Dazukommenden nicht als Eindringlinge empfunden werden? Hier steht ein Freundschaftsbegriff, der Differenzen begrüßt und verhandelt, als Haltungsvoraussetzung im Blickpunkt. Wie können neue Komplizenschaften entstehen, in die das Fremde integriert werden kann? Als Produkt erfolgreichen Zusammenarbeitens von heterogenen Gruppen, die sich nicht durch einen soften Totalitarismus versuchen zu nivellieren, sondern auch die Konflikte miteinander einbeziehen, kann man meist alternative Kommunikations- und Dialogstrukturen als integralen Bestandteil identifizieren. All diese praktizierten und erprobten Formate binden möglichst viele, unterschiedliche Menschen auf Augenhöhe ein und vermeiden so den vorherrschenden Ansatz des individuellen Wettkampfes.

„Radical friendship“ nennt der Artivist John Jordan die Qualität der Beziehungen, die er durch eine aktivistische Kunstpraxis erwachsen sehen möchte. Radikal deshalb, um in Krisenzeiten zu wissen, wer neben und mit einem steht. Das freundschaftliche Miteinander oder der Freundschaftsbegriff an sich zielt dabei auf die Integration des Fremden, wie auch Derrida betont, und damit auf einen Dialog mit und zwischen Vielartigen. Nach welchen Kriterien wird Autorenschaft zugunsten von kollektiver Zusammenarbeit verhandelt um Züge von möglicher Exklusivität zu vermeiden? Diese Prozesse darf man auf keinen Fall dem Zufall überlassen?

Ich möchte verweisen auf eine Publikation zu dem Thema, die mich sehr bewegt im Moment (kostenlos online erhältlich):

http://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-2898-2/das-konvivialistische-manifest

http://www.diekonvivialisten.de/

[1] Ziemer, Gesa, Konvivialistische Kunst? Über das freundschaftliche Zusammenleben im urbanen Raum. In: Frank Adloff, Volker M. Heins (Hg.) Konvivialismus. Eine Debatte. Transcript Verlag, Bielefeld 2015,, S.180

 

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