‚Ballastexistenzen’

In diesem Jahr fällt auf, dass bestimmte Themen sich durch die Projekte ziehen. Eins von ihnen möchte ich hier benennen und provozierend ‚Ballastexistenzen’1 nennen. Dieses Thema kommt sowohl im Projekt in Hannover vor, wo sich die Gruppe mit Identitäten in ihrem Projekt New Identity auseinander setzt, als auch in Papenburg im Projekt Erinnern für die Gegenwart, dass sich mit Euthanasie als historisches Symptom, aber auch aktuell mit Ausgrenzung im Alltag beschäftigt.

In dem Spiel New Identity ist ein Identitätsmerkmal Krankheit, dass für den zu erschaffenden Charakter erwürfelt. In dem Faktenkatalog des Spiels kann der/die Spieler*in sich bis zu sechs Möglichkeiten zu dem Thema erwürfeln, von der nur eine „gesund“ ist. Sechs der gewürfelten Identitäten benennen eine physische oder psychische Erkrankung.

Wie geht man mit dem Faktor Gesundheit um, die in unserem neo-liberalen Wirtschaftssystem Kennzeichen für Potenz, Leistung, Kraft und damit auch Attraktivität geworden sind? Damit ist Gesundheit zu etwas Moralischem geworden: „Mehr als elf Millionen Deutsche schwitzen regelmäßig in Fitness-Studios. Was als die neue Lust am Gesundsein daher kommt, sieht der Historiker Jürgen Martschukat als Trend einer kapitalistischen Gesellschaft, in der Leistung sich offenbar lohnt.“ 2

Gegenüber dem steigenden Fitness-Bewusstsein in Deutschland benennt die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN): „Bundesweit erfüllt mehr als jeder vierte Erwachsene im Zeitraum eines Jahres die Kriterien einer psychischen Erkrankung. Zu den häufigsten Krankheitsbildern zählen Angststörungen, Depressionen und Störungen durch Alkohol- oder Medikamentengebrauch. Für die knapp 18 Millionen Betroffenen und ihre Angehörigen ist eine psychische Erkrankung mit massivem Leid verbunden und führt oft zu schwerwiegenden Einschränkungen im sozialen und beruflichen Leben.  Hinzu kommen erhebliche volkswirtschaftliche Auswirkungen: Psychische Erkrankungen sind nicht nur die zweithäufigste Ursache für Krankheitstage im Beruf, sie sind auch der häufigste Grund für Frühverrentungen. Es wird erwartet, dass die direkten und indirekten Kosten, die dadurch entstehen, in Zukunft noch weiter ansteigen werden.“3

Ich lese im Katalog „Tiergartenstrasse 4“ über Euthanasie: „Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Deutschland und auch international verstärkt darüber debattiert, ob das Leben unheilbar Kranker durch Ärzte beendet werden sollte. Dabei spielte vermeintliches Mitleid ebenso eine Rolle wie ein Denken, dass den Wert des menschlichen Lebens nach seinem gesellschaftlichen Nutzen bemaß. Der Gedanke des ‚lebensunwerten Lebens’ steht in der Tradition des Sozialdarwinismus und der ‚Rassenhygiene’: Ärzte, Politiker und Schriftsteller befürchteten den Verfall des Volkes durch eine ungehinderte Vermehrung ‚minderwertiger’ Menschen, die durch übertriebene staatliche Fürsorge und den medizinischen Fortschritt am Leben erhalten würden. Die in Anstalten verwahrten Menschen mit psychischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen erschienen in dieser Sichtweise als gesellschaftliche ‚Belastung’.“4

Das Spiel, dass sie getraut, Identitäten deutlich mit Krankheiten zu belegen, liegt also unbedingt in der realen Norm. Auch die Schüler*innen und Schüler in Papenburg wissen über diese Realitäten zu berichten; so gibt es Jugendliche mit Psychiatrie Erfahrungen unter ihnen.

Ich frage mich: Wenn menschliches Lebens überwiegend nach seinem gesellschaftlichen Nutzen bemessen wird, da die Wirtschaft heutzutage eindeutig tut, was bedeutet das für die 25 % der Bevölkerung, die zeitweise oder ganz aus dieser Norm fallen, was bedeutet das aber auch für Alte und zu junge, für all diejenigen, die nicht zur Produktivitätssteigerung beitragen? Ich muss an den Text Empört Euch! Von 2009 von Stéphane Hessel denken.5 Darin beschreibt er, dass nach dem 2. Weltkrieg ein wichtiger Akt war, Alte, Mütter, Kinder, Arbeitsunfähige sowie Arbeitslose so abzusichern, dass ihr Leben gesichert sei, gerade um lebensbedrohliche Situationen sowie faschistische Tendenzen des Sozialdarwinismus zu verhindern. Auch Diskriminierung von Menschen mit Zuwanderungserfahrung nennt er als Beispiel, um Anlässe zur Empörung finden. Diese Themen sind bei den Menschen jüngerer Generation verstärkt präsent, gelebt und Alltag. Wie viel Angst kann es machen, diese nicht leicht zu fassenden Tendenzen zu spüren und ihre historischen Auswirkungen zum Teil zu kennen?

1 Tiergartenstraße 4 : Gedenk-Ort und Informations-Ort für die Opfer der national-sozialistischen »Euthanasie«-Morde. Heft in Leichter Sprache 2014. Seite 12

2https://www.deutschlandfunkkultur.de/fitness-und-politik-schlanke-koerper-fuer-schlanke.990.de.html?dram:article_id=461878

3https://www.dgppn.de/schwerpunkte/zahlenundfakten.html

4 Tiergartenstraße 4 : Gedenk-Ort und Informations-Ort für die Opfer der national-sozialistischen »Euthanasie«-Morde. Heft in Leichter Sprache 2014. Seite 11

5 Empört Euch! ist ein Essay des ehemaligen französischen Widerstandskämpfers und UN-Diplomaten Stéphane Hessel. Er wurde im Oktober 2010 veröffentlicht; bis Februar 2011 waren mehr als eine Million Exemplare verkauft. Auch in Deutschland wurde das Buch ein Bestseller.

 

 

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